Kleinmuehlingen: Heute ein Ortsteil der Gemeinde Bördeland. Unser Ort hat eine lange Geschichte. Einen winzigen Teil davon finden Sie auf diesen Webseiten.

Schnurkeramiker in Kleinmühlingen

schnurkeramik

Typische Verzierung an Gefässen aus der Zeit der Schnurkeramiker.

In einem alten Fachbuch fand ich folgenden Artikel, den ich der interessierten Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Der Titel verspricht viel: Ein schnurkeramischer Grabfund von Klein-Mühlingen. Kr. Bernburg (Anhalt). von Hugo Mötefindt

Ein schnurkeramischer Grabfund von Klein-Mühlingen. Kr. Bernburg (Anhalt).

von Hugo Mötefindt.

ln der Nähe der Stadt Calbe a. S. befindet sich eine anhaltinische Exklave, die nach dem Marktflecken Groß-Mühlingen benannt wird und zum anhaltinischen Kreise Bernburg gehört. Einst besaß diese Gegend eine große Bedeutung. Mulinga ist von allen Orten Anhalts der erste urkundlich erwähnte (936)1) und nach ihm war die Grafschaft des Nordthuringaues benannt, die sich in die Winkel der Elbe und Saale, der Saale und Bode, der Elbe und Sülze einschob und im Westen bis Schwaneberg und Unseburg reichte: gewissermaßen als letzter Rest dieser weit ausgedehnten Grafschaft ist heute diese kleine Exklave, die nur aus zwei Orten, dem Marktflecken Groß-Mühlingen und dem Pfarrdorf Klein-Mühlingen besteht, übrig geblieben. Klein-Mühlingen, das uns heute näher beschäftigen soll, ist bereits in der Literatur durch vorgeschichtliche Funde bekannt. In den Magdeburger Geschichtsblättern Jahrg. 9, 1874, fand ich S. 283 folgende Nachricht: „Der Klein-Mühlinger Berg ist bis auf seine höchste Kuppe mit weichem Boden bedeckt. Die Kies- und Sandschichten bergen manche Urne aus heidnischer Zeit und der Kannenstieg, welcher auf denselben hinaufführt, scheint seinen Namen von ihnen zu tragen. In Klein-Mühlingen nennt man den Hügel den „Kirchberg”. Er trägt jetzt eine Windmühle, die auf einem Grabhügel steht. Ein Wall, ungefähr 1 m hoch und 1 m im Durchmesser, umschließt die Kuppe dieses Kirchberges. Von diesem Walle sind zwei Seiten noch vollständig erhalten, vou denen die Längseite 310, die Breitseite 280 Schritt mißt. Von der zweiten Langseite ist ein Stück Wall von 182 Schritt noch vorhanden, das übrige, sowie die vierte Seite, wenn eine solche vorhanden war, ist durch die dort befindliche Kiesgrube zerstört. Innerhalb dieses Raumes befindet sich jetzt die Windmühle und eine Anzahl kegelförmiger Grabhügel, von

  1. E. Weyhe, Landeskunde des Herzogtums Anhalt. Band 2. Dessau 1907. S. 386
  2. Vgl. F. Winter, Die Grafschaften im Nordthüringau. I. Die Grafschaft Mühlingen. Magdeburger Geschichtsblätter 9. 1874. S. 281. — Fr. Heine, Geschichte der Grafschaft Mühlingen. 1900.

 

 

 

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denen einige untersucht sind und Urnen mit Bronzesachen zutage förderten.” Dieser „Kirchberg” ist identisch mit der heute allgemein der „Mühlenberg” nach der auf ihm stehenden Windmühle genannten 88 m hohen Erhebung, an deren Fuße das Dorf Klein-Mühlingen liegt (vgl. Abb. 1). Hier auf dem Kirchberge haben im Juli 1913 am Rande der vor dem Dorfe gelegenen Gemeindekiesgrube einige Kinder gespielt; da war plötzlich die Erde unter ihren Füßen weggerutscht und zwei Gefäße in etwa 10 cm Tiefe sichtbar geworden, welche die Kinder sofort vorsichtig „ausbuddelten”. Bei diesem Heben der (Gefäße fand sich in deren Nähe eine große Anzahl von durchbohrten Tierzähnen; weiter wurde nichts

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Abb. 1. Ausschnitt aus dem Meßtischblatt der königl. preußischen Landesaufnahme Kr. 2238. Die Fundstelle ist durch + bezeichnet.

 

 

 

k_fundstelle_schnurkeramik beobachtet. Die Kinder konnten sich wenigstens später nicht erinnern, irgendwelche Steine oder Skelettreste gesehen zu haben. Durch Herrn Major d. R. Fabrikbesitzer Nicolai aus Calbe a. S. erfuhr ich von diesem Funde. Im August 1913 habe ich dann gemeinsam mit Herrn Major Nicolai und Herrn Bankdirektor Ackermann aus Calbe a. S. einen Ausflug nach Klein-Mühlingen unternommen. Hier ließen wir uns zunächst die Fundstelle zeigen, die ich auf dem Meßtischblatte der Königl. preußisclien Landesaufnahme Nr. 2238 durch ein Kreuz eintrug (vgl. Abb. 1). In der Nähe der Fundstelle, die bei meinem Besuch in keiner Weise mehr kenntlich war, befindet sich noch heute auf der Erhebung des Kirchberges eine Reihe von künstlichen Hügeln, sicher Gräber. Bei der allerdings nur kurzen Besichtigung des Geländes zählte ich deren sieben. Von der ebenfalls obenerwähnten Umwallung vermochte ich noch an

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sehnliche Reste festzustellen, die ich aber leider wegen der kurzen mir für die Besichtigung zur Verfügung stehenden Zeit nicht abmessen und aufnehmen konnte; meiner Ansicht nach dürfte diese Umwallung fränkischen Ursprungs sein. Wichtig ist daß wir hier eine der wenigen Stellen des Herzogtums Anhalt und der Provinz Sachsen vor uns haben, welche die ihr anvertrauten Hügelgräber durch die Jahrtausende bewahrt hat, während sie in den Feldfluren längst zerstört worden sind. Freilich werden auch hier nur noch die wenigsten von diesen ehrwürdigen Zeugen der Vergangenheit ganz unversehrt sein. Einige haben durch den Sandgrubenbetrieb gelitten, andere mögen ausgeplündert sein. Auf einem Hügel war vor kurzem erst eine junge Eiche gepflanzt worden, die dem Hügelgrabe — vom Standpunkt des Archäologen aus betrachtet — nicht gerade vorteilhaft sein dürfte. Ein weiterer Hügel soll erst im Beginn des Jahres 1913 dadurch gänzlich zerstört worden sein, daß gerade hier ein Geschütz von einer Artillerieabteilung bei einem in dieser Gegend stattfindenden Manöver eingegraben wurde. Daß in irgendeinem dieser Hügel Funde gemacht seien, darüber war im ganzen Dorfe nichts zu ermitteln. Sollte es nicht möglich sein, diese Hügelgräbergruppe für spätere Geschlechter zu erhalten und deshalb jetzt staatlich zu schützen? Ich wüßte nicht, daß es noch eine andere Stelle in Anhalt gäbe, an der so zahlreiche Hügelgräber vorhanden wären. Außerdem mache ich noch auf den besonderen landschaftlichen Reiz der Gruppe aufmerksam, die nicht nur einen weiten Ausblick gewährt, sondern auch selbst weithin sichtbar ist. Von dem im Juli 1913 aufgedeckten Grabe ließ sich an Ort und Stelle keine Spur mehr feststellen. Nach allen Ermittelungen scheint es sich also um ein Flachgrab ohne Steinschutz gehandelt zu haben. Das Skelett wird, wie in so vielen anderen Fällen, völlig vergangen sein; der leichte Sandboden, die geringe Tiefe des Grabes und der vollkommene Mangel an Steinschutz begünstigten das Eindringen der Tageswässer und damit die schnelle Vernichtung der Knochen. Die in dem Grabe entdeckten Gefäße und Tierzähne konnte ich nach Besichtigung des Geländes in der Wohnung des Herrn Gutsbesitzers und Amtsvorstehers Engel in Klein-Mühlingen eingehend studieren 1); ich habe sie an Ort und Stelle mit einem mir von Frau Major Nicolai gütigst zur Verfügung gestellten photographischen Apparat aufgenommen, und nach dieser Aufnahme wurden die unseren Abbildungen 2 und 3 zugrunde liegenden Zeichnungen angefertigt. Wie Sachkenner sofort sehen, handelt es sich um eine Amphora und ein kleines Beigefäß aus dem Kulturkreise der Schnurkeramik. Die

  1. Ich möchte nicht verfehlen, Herrn Gutsbesitzer Engel hierfür und für die Begleitung an den Fundort auch an dieser Stelle meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. Herzlichst danken möchte ich gleichzeitig Herrn und Frau Major Nicolai für ihre freundlichen mannigfachen Bemühungen in dieser Angelegenheit.

 

 

 

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Amphora (Abb. 2) gehört zu den für die Schnurkeramik des Saalegebietes charakteristischen Übergangsformen von der Amphora zum Topf 1). Der Hals ist hier kein selbständiger Gefäßteil mehr, er ist vielmehr auf ein Minimum reduziert und eigentlich nur noch ein nach außen gebogener Wulst. Am Umbruch des Bauches befinden sich zwei kleine, horizontal durchbohrte Henkel, oberhalb der Henkel eine in Schnurtechnik ausgefiihrte einfache Zickzacklinie. Zu erwähnen ist schließlich noch der gut ausgearbeitete Standring des Gefäßes. Höhe des Gefäßes 13,5 cm, Mündungsdurchmesser 8 cm, Bodendurchmesser 8 cm. Das zweite Gefäß (Abb. 3) ist ein kleiner, roh geformter Napf mit etwas gewelltem Rande. Höhe 6,5 cm, Mündungsdurchmesser 7,5 cm. Von den Tierzähnen gelang es mir, zwei für das Städtische Museum für Natur- und Heimatkunde in Magdeburg zu erwerben: nach

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Abb. 2. Amphora, von Klein-Mühlingen, Kr. Bernburg.

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Abb. 3. Napf von Klein-Mühlingen, Kr. Bernburg.

 

 

 

meiner Untersuchung handelt es sich um Hundezähne. Derartiger Zahnschmuck ist, wie in allen steinzeitlicben Grabstätten, so auch in schnurkeramischen Gräbern außerordentlich häufig. Yon anhaltinischem Boden war derartiger Schmuck bereits aus dem „Spitzen Hoch” bei Bernburg bekannt (zusammen gefunden mit Bernburger Typus) 2). Die Gefäße verweisen das Grab in den Kulturkreis der Schuurkeramik. Innerhalb dieses Kulturkreises gehört das Grab infolge des Fehlens jeglicher Steinumhüllung zu der Gruppe der „Flachgräber ohne Kistenbau”. Diese Gruppe ist in dem ganzen nördlichen und südlichen Verbreitungsgebiet der Schnurkeramik stark vertreten. Für diese Gruppe kommen liegende Hocker und gestreckte Skelette in Frage; welche Bestattungsart hier in diesem Falle angewendet worden ist, muß aus den oben angeführten Gründen leider unbestimmbar bleiben. Schnurkeramische Flachgräber ohne Kistenbau waren bisher meines Wissens aus Anhalt noch nicht bekannt, wenn sie auch in dieser Gegend

  1. Ähnliche Formen hat seinerzeit Götze in der Abhandhmg „Die Gefäßformen und Ornamente der neolithischen schnurverzierten Keramik im Flußgebiete der Saale” ‘Jena 1891) auf S. 33 zusammengestellt.
  2. Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder. 1902. S. 42.

 

 

 

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zu vermuten waren, weil sie in dem Nachbargebiet häufig vorkommen 1). Die übrigen Bestattungsformen der Schnurkeramik sind jedoch sämtlich auf anhaltinischem Boden bekannt: Hügelgräber mit Steinkiste z. B. in Baalberge, Kr. Bernburg 2): ein Hügelgrab mit liegendem Hocker ohne Steinschutz z. B. im spitzen Hoch bei Bernburg 3): Steinkistengräber ohne Hügel von Weddegast, Kr. Bernburg 4) und llbersdorf. Kr. Köthen 5).

Quellen

Dokumentenauszug

  1. Vgl. z. B. Götze a. a. O. S. 25.
  2. Jahresschrift I. 1902. S. 3
  3. Jahresschrift I. 1902. S. 43.
  4. Katalog des Altertumsmuseums der Stadt Bernburg von O. Merkel und P. Höfer. S. 47.
  5. Vorgeschichtliche Altertümer der Provinz Sachsen. Heft 9. S. 15

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  • Ein sehr interessanter Artikel. Hat jemand eine Ahnung, wo die ausgegrabenen Gegenstände aufbewahrt und gegebenfalls auch besichtigt werden können. Gelesen habe ich hier Magdeburg aber aus anderen Schriften weiss ich, dass es auch Gegenstände in Bernbung und Schönebeck geben soll.

  • Ich habe gar nicht gewusst, was Schnurkeramiker sind. Ich dachte erst mich will jemand veräppeln.

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